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RSSPrint

Werdet barmherzig, wie euer Vater barmherzig ist. Lukas 6.36

27.12.2020

Jahreslosung 2021

Unser Gott ist barmherzig – barmherzig und gnädig und geduldig und von großer Güte und Treue, so hat er selbst erläutert, was sein Name bedeutet, der Name, der in der Bibel mit HERR umschrieben wird. Nicht kaltblütig gleichgültig, ungerührt und unberührbar, unbewegt, regungslos; kein launisches Schicksal, das uns willkürlich und rätselhaft mal hochgemut stimmt, mal in die Tiefe stürzt, ins Dunkle, in Verzweiflung. Gott ist barmherzig, das bedeutet: es jammert ihn, wie wir Menschen, wie seine Geschöpfe dran sind; das berührt sein Innerstes. Auch wenn Gott zornig ist – und auch sein Zorn zeigt, dass er nicht gleichmütig regungslos ist; ist die Kehrseite seiner Liebe –, lässt er sich durch sein Erbarmen unterbrechen; das fällt ihm ins Wort, in den Arm: So oft ich gegen ihn (Ephraim=Israel) rede, muss ich doch an ihn denken; meine Eingeweide wallen ihm zu; ich muss mich seiner erbarmen (Jeremia 31,20). Und dies Erbarmen ist nicht bloß hilfloses Aufgewühltsein, sondern führt zu hilfreichen, zu befreienden Taten, ist tätige Solidarität.
Wenn uns die Situation Anderer nahegeht, unter die Haut geht, sagen wir: das geht mir an die Nieren; es zerreißt mir das Herz. Diese inneren Organe sind auch im Hebräischen der Bibel wichtig: Menschen werden auf Herz und Nieren geprüft, wenn geklärt werden soll, was ihr Kern, Zentrum ihres Lebens ist; was sie ausmacht. Im Wort für Erbarmen aber klingt ein anderes an: die Gebärmutter. Jesus nennt Gott hier zwar Vater, doch in das Wort barmherzig deutet die weibliche Seite Gottes an, auch die mütterliche. Die Wortverwandtschaft zeigt nicht nur die Empfindlichkeit und Empfänglichkeit Gottes, sondern auch das Ziel seiner Barmherzigkeit: dass wir bei ihm oder ihr Geborgenheit finden, uns bergen.
Vielleicht fragen Leser, Leserinnen jetzt: woher weiß der Autor das? Ich habe das noch nicht erlebt, erfahren, gespürt, dass Gott sich meiner erbarmt; dass es ihm weh ist, wenn ich elend dran bin; er sich auf meine Seite, an meine Seite stellt; dass er mir zu Hilfe eilt, wenn ich nicht aus noch ein weiß; mich aus inneren oder äußeren Zwängen befreit, meine seelischen und körperlichen Schmerzen heilt. Ich habe gelernt, dass ich schon selbst mit dem Leben zurechtkommen muss. Manchmal bin ich froh und stolz, wenn mir das gelungen ist; manchmal verzagt und verzweifelt, wenn ich das Leben schwer, zu schwer finde. Und zudem sehe ich um mich herum und im Weltgeschehen so viel Unglück und Elend, ohne dass irgendwer helfend, rettend, befreiend eingreift; oder jedenfalls geschieht das viel zu selten. In der Tat mutet die biblische Botschaft Alten wie Neuen Testaments uns zu, zunächst einmal von uns und unseren Erfahrungen wegzublicken, den Blick auf die Beziehungsgeschichte zwischen dem Gott Israels und seinem Volk zu richten, die da bezeugt wird; vorläufig anzunehmen, dass ihre Autoren das, was sie mit ihren Möglichkeiten zur Sprache, in Worte bringen, nicht aus der Luft gegriffen, sich nicht aus den Fingern gesaugt haben. Wir Christen haben diese Geschichte durch einen Sohn dieses Volkes kennengelernt, durch seine Worte und Taten, auch durch sein Leiden und Sterben: Jesus Christus. In ihm ist Gott selbst ganz und gar auf unsere Seite getreten, hat sich unserer erbarmt, sich mit uns, mit allen Menschen solidarisiert. Der Dichter Paul Gerhardt sagt es so: Nichts, nichts hat dich getrieben zu mir vom Himmelszelt als das geliebte Lieben, damit du alle Welt in ihren tausend Plagen und großer Jammerlast, die kein Mund kann aussagen, so fest umfangen hast. Wer diese Botschaft hört und zu Herzen nimmt, wird dann, daraufhin auch im eigenen Leben Erfahrungen mit Gottes Erbarmen machen und im Weltgeschehen auch.
Wir sind von unseren Eltern geprägt, ob wir wollen oder nicht, ob wir mit diesem Gepräge glücklich oder unglücklich sind. Kinder lernen durch Nachahmung, werden darum zeitweilig zu Karikaturen ihrer Eltern. Jesus macht uns darauf aufmerksam, dass wir nicht nur Kinder unserer tüchtigen oder weniger beholfenen, hellen und heiteren oder düsteren, großzügigen und großmütigen oder engen und ängstlichen Eltern sind, sondern auch Kinder Gottes. Und er empfiehlt uns, auch von diesem Vater, dieser Mutter durch Nachahmung zu lernen, uns prägen und beeinflussen zu lassen: werdet barmherzig, wie euer Vater barmherzig ist. Auch Erwachsene sind ja beeinflussbar, machen sich was vor, wenn sie meinen, ganz und gar und nur selbstbestimmt zu denken, zu reden und zu handeln. Doch im Unterschied zu Kindern haben sie ein bisschen die Wahl, welchen Einflüssen sie sich aussetzen; wovon, von wem sie sich prägen lassen. Wir können uns, mit ein bisschen Vertrauensvorschuss, dazu entschließen, uns dem Einfluss des Evangeliums auszusetzen, der frohen Botschaft von der Barmherzigkeit Gottes – durch Teilnahme an den Gottesdiensten, Miterleben des Kirchenjahrs, das verschiedene Aspekte der frohen Botschaft aufs Jahr verteilt, Lernen an biblischen Texten, möglichst im Gespräch mit anderen. Das ist nun alles unter Corona-Bedingungen etwas prekär, aber wir hoffen, dass diese Bedingungen nicht das ganze Jahr 2021 bestimmen werden.
Der Einfluss der frohen Botschaft von Gottes Erbarmen kann auch uns barmherziger machen – das ist die Hoffnung Jesu, ist eins seiner Ziele: dass das Evangelium von Gottes Solidarisierung mit allen Menschen uns befreit zur Solidarität. Wem klargeworden ist, was es Gott gekostet hat, uns Verlorene, Verirrte und Verwirrte zu suchen und zu finden, zu befreien zum gemeinsamen Leben mit ihm und mit seinen Leuten, kann es nicht länger als Zumutung, als riesige Überforderung betrachten, daraufhin auch selbst das Leid und die Not Anderer, auch der Schwierigen und Anstrengenden, mit offenen Augen und offenen Herzen wahrzunehmen, dieser Mitmenschen nach Kräften sich anzunehmen, ihnen – so gut es geht, so weit es möglich ist – aufzuhelfen. Wer sich erbarmt, wird berührbar, damit auch verletzlich und verwundbar, dünnhäutig, kann Enttäuschungen erleben, empfindet Schmerz angesichts der Situation von Menschen, denen er, denen sie sich nicht länger entzieht – es jammert ihn, es jammert sie. Doch das Evangelium befreit uns von der Angst, selbst verloren zu gehen, wenn wir uns der Verlorenen annehmen; selbst im Elend zu landen, wenn wir die im Elend nicht länger entschlossen übersehen. Es ist ja diese Angst, die uns immer wieder verschlossen und zugeknöpft macht, uns die Augen verschließt und die Herzen verhärtet. Selbst schuld, sagen wir dann – als wäre damit irgendetwas gesagt –, um die Bedrängnis, in die uns die Lage Anderer ja spürbar bringt, zu verdrängen; um uns zu rechtfertigen; um auszuweichen. Das Evangelium befreit uns von dieser Anstrengung, diesem Krampf, dieser Zwanghaftigkeit, denn es ist ja nicht leicht, sondern hart, sich eine dicke Haut zuzulegen und mit ihr leben zu müssen. Das Evangelium macht zwanglos, ungezwungen, spontan, weil es Ängste nimmt, mindestens mindert. Vieles muss in Corona-Zeiten dichtmachen – es wäre gut, wenn wenigstens wir uns nicht selbst dichtmachten.
Jünger und Jüngerinnen Jesu, die barmherzig werden, können etwas bewirken gegen die Kälte unseres gesellschaftlichen Klimas, vielleicht nicht gleich in diesem Jahr eine solidarische Gesellschaft schaffen, aber mehr Wärme. Barmherzigkeit, Erbarmen – das sind inzwischen fast Fremdwörter. Wer heute etwas erbärmlich nennt – Lehrer die Leistungen ihrer Schüler, Eltern die entsprechenden Zeugnisse, Kritiker die Praxis unserer Kirche –, hat keineswegs vor, sich zu erbarmen, zu Hilfe zu kommen, sich zu solidarisieren, sondern drückt tiefe Verachtung aus. Das ist kein gutes Zeichen.
Bereits die frühe Kirche hat sich eine Liste von Werken der Barmherzigkeit gemacht und sich dabei an einem Gleichnis Jesu (Matthäus 25,31–46) orientiert, das andeutet, worauf wir im Endgericht angesprochen werden werden – nicht auf unseren Glauben, sondern auf unser Tun und Unterlassen. Daraus ergab sich als Merkzettel oder, wie man heute sagt, To-do-Liste: Hungrige speisen; Durstige tränken; Fremde beherbergen; Nackte kleiden; Kranke pflegen; Gefangene besuchen. Später kam noch als siebtes Werk, nicht aus dem Gleichnis, hinzu: Tote begraben. Diesen materiell leiblichen Aufgaben wurde noch eine Liste mit sieben geistlichen Werken der Barmherzigkeit hinzugefügt – auch sie enthält beherzigenswerte Anregungen: Unwissende lehren; Zweifelnden recht raten; Traurige trösten; Sünder zurechtweisen; Lästige geduldig ertragen; denen, die uns beleidigen, gern verzeihen; für die Lebenden und die Toten beten.
Vielleicht wäre es gut, diese beiden Merkzettel irgendwo anzubringen? An die Kühlschranktür oder an die Wohnungstür, um vorm Verlassen des Hauses kurz drauf zu blicken? Oder neben den Spiegel, der ja ein Ort der Selbstüberprüfung ist? Aber vielleicht genügt es, dass das Jesus-Wort selbst uns durchs Jahr begleitet. Wenn es uns immer wieder anspricht und anregt, auch anstupst und anpickst, dann wird 2021 ein gutes neues Jahr, und das wünsche ich uns allen.

Matthias Loerbroks, Pfarrer