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Rosa Luxemburg zum 150. Geburtstag – Beitrag von Giselher Hickel

02.01.2021

Unter den vielen Demonstrationen und Kundgebungen unserer Stadt nimmt das Gedenken an Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht einen besonderen Platz ein. Jahr für Jahr seit 1919, unterbrochen nur durch faschistisches Verbot, besuchen Menschen verschiedener linker Couleur um den 15. Januar, dem Jahrestag ihrer Ermordung, die Gräber auf dem Zentralfriedhof in Friedrichsfelde und den Gedenkort am Landwehrkanal in Charlottenburg.
In diesem Jahr jährt sich zudem am 5. März ihr Geburtstag zum 150. Mal. Die polnische Jüdin war Wortführerin der polnischen und der deutschen Sozialdemokratie. In theoretischen Schriften und tagespolitischen Artikeln schrieb sie an gegen Kapitalismus, Imperialismus und Kolonialismus. Sie war eine begehrte Rednerin auf den politischen Bühnen Europas. Feministinnen berufen sich mit gutem Recht auf sie. Kurz vor ihrem Tod war sie an der Gründung der KPD beteiligt.
Eine kleine, wenig bekannte Schrift heißt: „Kirche und Sozialismus“. Anlass waren massive Angriffe der orthodoxen Kirche gegen die Sozialdemokratische Arbeiterpartei (SDAPR) während der russischen Revolution 1905. Rosa Luxemburg lieferte nicht nur Argumente für die Gegenagitation. Sie wollte den Arbeitern und Bauern Basiswissen über die Geschichte des Christentums vermitteln. Sie beschreibt die Lage der frühen Christenheit im Römischen Reich, zitiert ausführlich herrschaftskritische Kirchenväter, erklärt die nachfolgende Einbindung der Kirchen in weltliche Machtstrukturen, die schließlich zur religiösen Rechtfertigung feudaler Macht- und Ausbeutungsverhältnisse führte, so auch im zaristischen Russland. Mit Vehemenz wehrt sie sich gegen den Vorwurf, die Sozialdemokratie wolle jeden religiösen Glauben bekämpfen.
Die Sozialdemokraten streben danach, die Herrschaft der reichen Schinder und Ausbeuter über das arme arbeitende Volk abzuschaffen. Aber dabei, so sollte man meinen, müßten die Diener der christlichen Kirche als erste die Sozialdemokraten unterstützen und ihnen die Hand reichen … Die Sozialdemokratie nimmt niemandem seinen Glauben und kämpft nicht gegen die Religion! Sie fordert dagegen völlige Gewissensfreiheit für jeden und Achtung vor jeglichem Bekenntnis und jeglicher Überzeugung.
Die scharfsinnige, auch in ihrer Parteilichkeit nonkonformistische Sozialistin beeindruckt durch die Vielseitigkeit ihrer Persönlichkeit. Sie war von zarter Konstitution, von Kindheit an leicht gehbehindert. Das mittelständische Elternhaus ermöglichte ihr eine umfassende humanistische Bildung. Ihr akademisches Studium führte im Züricher Exil zur Promotion in der Volkwirtschaftslehre. Sie sprach vier Sprachen, las die antiken Sprachen sowie Englisch und Italienisch. Zugleich war sie eine begeisterte Botanikerin und talentierte Zeichnerin von Blumen und Sträuchern. Sie war eine begnadete Briefschreiberin von charmanter Gesprächigkeit.
1918, während ihrer letzten Haft im Gefängnis in Breslau, entstanden u.a. zwei markante Texte. Der eine ist ein geradezu prophetisches Nachdenken über die russische Revolution. Daraus spricht Begeisterung aber zugleich warnende Besorgnis über Fehler in der Agrar- und der Nationalitätenpolitik, die tatsächlich in der Folgezeit der sowjetischen Gesellschaft schwer zu schaffen machten und fatale Konsequenzen zeitigten.
Der zweite Text ist ein gern zitierter Brief, gerichtet an die Freundin Sophie Liebknecht. In anrührender Weise schildert sie die traurige Szene, wie der Kutscher eines Lastfuhrwerkes im Gefängnishof den Zugstier mit Knüppelhieben schwer misshandelt. Das geplagte Zugtier wird ihr wie ein Bruder, zum leidenden Mitgeschöpf, der menschlichen Gewalttat wehrlos ausgeliefert. Mit wunderbarem Einfühlungsvermögen und warmer Sympathie beeindruckt die sonst so scharfe Analytikerin und gestandene Berufsrevolutionärin mit Kampf- und Kerkererfahrung.
Den Deutschnationalen war die Sozialistin ein Dorn im Auge. Den Sozialisten ist sie bis heute Mahnerin, im Gegner den Menschen zu sehen. Jenseits „der Parteien Gunst und Hass“ gebührt der Streiterin für Egalität und Mitmenschlichkeit unsere Hochachtung.


Giselher Hickel