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Monatsspruch November

Jeremia 31,9

Sie werden weinend kommen, aber ich leite sie mit Erbarmen.

Wenn jemand gestorben ist, den oder die wir liebhatten, ist das ein Grund zum Weinen. Wir fühlen uns verletzt, verwundet, beraubt. Ein besonderer Mensch ist nicht mehr da: seine Stimme fehlt, sein Angesicht und seine Gestalt, sein Fragen, sein Erzählen, seine Einfälle – seine ganze Art. Unser Leben ist ärmer geworden, denn unser Leben besteht aus Beziehungen – jedenfalls machen die unser Leben lebendig. Das ist zum Weinen, und manchmal ist es erleichternd, weinen zu können; Menschen, die das nicht können, stumm und starr sind, haben es noch schwerer.
Am letzten Sonntag des Kirchenjahres, 22. November, gedenken wir gemeinsam unserer Toten, nennen die Namen derer, die im zu Ende gehenden Kirchenjahr gestorben sind. In diesem Jahr gedenken wir auch derer, die an den Folgen der Pandemie starben, meist sehr einsam – in anderen Ländern sind es mehr als bei uns, in einigen viel mehr; sie werden vermisst, werden beweint. Eine Woche zuvor, am Volkstrauertag, wird staatlich und gesellschaftlich der Menschen gedacht, die in den großen Kriegen getötet wurden, und wir denken dann auch an die vielen Kriege unserer Gegenwart, die alle, alle zum Heulen sind.
Im ohnehin traurigen Monat November mit seinen trüber werdenden Tagen gibt es noch andere Anlässe, an denen wir gemeinsam, kollektiv dessen innewerden, dass es Gründe zum Weinen gibt. Am 18. November ist Buß- und Bettag. Umkehr von Irrwegen ist ja – Gott sei Dank! – jeden Tag möglich und Beten erstrecht, wie wir ja auch unserer Toten nicht nur am Ewigkeitssonntag gedenken, aber es ist gut, das an einem Tag im Jahr gemeinsam zu tun. Auch das Innewerden der eigenen Schuld, des eigenen Versagens kann ein Grund zum Weinen sein. Ich denke an Petrus, von dem es heißt: „Er ging hinaus und weinte bitterlich“ (Matthäus 26,75), nachdem er seinen Herrn, seinen Freund dreimal verleugnet hatte – Johann Sebastian Bach hat dies Weinen in seiner Matthäuspassion erschütternd vertont. Am 9. November gedenken wir der Pogrome 1938. Auch da fällt mir der weinende Petrus ein. „Ich kenne den Menschen nicht“, hatte er gesagt – die Geschichte gehört zu den Lesungen für Gottesdienste am 9. November. Auch die Christen, die damals nicht mitmachten beim Brandschatzen, Höhnen und Grölen, beim Zerstören, Stehlen und Misshandeln, die nur zusahen oder wegsahen, haben ihre Verwandtschaft mit den Juden verleugnet, haben geleugnet, hatten längst verdrängt und vergessen, dass sie die leiblichen Geschwister ihres Herrn sind: Ich kenne die Menschen nicht. Auch das ist zum Heulen.
Dies Wort, das der Prophet Jeremia Gott sagen gehört und weitergesagt hat, bezieht sich auf Menschen, die aus dem Exil, aus der Fremde heimkommen: sie werden weinend kommen, doch Gott verspricht ihnen, sie zu leiten, zu begleiten mit seinem Erbarmen, mit seiner Zuwendung. Blinde und Lahme sind unter ihnen, Schwangere und Wöchnerinnen, doch Gottes Begleitung sorgt dafür, dass auch die Gefährdeten und Gebrechlichen nicht unterwegs stürzen. Ich bin Israels Vater, sagt Gott, Israel ist mein erstgeborener Sohn.
Auch Trauernde sind in der Fremde. Das eigene Leben ist ihnen fremd geworden, sie sind der Welt abhandengekommen, fremd und fern sind ihnen auch ihre Mitmenschen, auch die, die versuchen, nah zu sein; vor allem aber die, die munter und fröhlich weiterleben, als wäre nichts geschehen – was ja gut und ihnen herzlich zu gönnen ist, sie aber fremd macht. Trauernde sind zerrissen, widersprüchlich: sie wünschen sich Nähe, können sie dann aber doch schwer ertragen, knurren und beißen die weg, die ihnen nah sein möchten. Wie gut ist es dann, wenn jemand sie hinausgeleiten kann aus der Tiefe, aus Trauer, Melancholie und Schwermut zurückbringt ins lebendige Leben, aus dem Finstern ins Helle – wie aus dem Exil, aus der Fremde.
Für uns Christen ist Jesus der, in dem Gott selbst uns leitet und begleitet alle Tage der Jahre unseres Lebens. Dass Gottes Sohn ein Mensch, allen Menschen zum Mitmensch wurde, war bereits ein Gang in die Fremde, und sein Weg führte in die äußerste Finsternis; er fühlte sich von seinen Freunden verlassen, im Stich gelassen und von Gott auch. Doch er ist nicht im Finstern geblieben, und das zeigt uns: wir sind auch dann nicht gottverlassen, wenn wir verzweifelt und verbittert fast sicher sind, es zu sein. In Jesus ist Gott mit uns auch im Finstern. Jesus ist darum auch der einzige Mensch, der den kühnen Satz sagen kann: Selig, die ihr jetzt weint, denn ihr werdet lachen (Lukas 6,21) – er hat diese Seligpreisung beglaubigt mit seinem Leiden und Sterben und mit seiner Auferweckung. Und das gilt auch für den ähnlichen Satz bei Matthäus (5,4): Selig die Trauernden, denn sie sollen getröstet werden – den hat Johannes Brahms in seinem Requiem tröstend vertont. Bei Martin Luther, der auch als Bibelübersetzer ein freier Mensch war, heißt der zweite Teil unseres Verses: aber ich will sie trösten und leiten – vielleicht hatte er da seine eigene Trostbedürftigkeit als angefochtener Christ und Theologe im Sinn. Trösten steht da zwar nicht, aber die Zusage, dass Gott die Weinenden mit seinen Erbarmungen begleitet und geleitet, ist tröstlich, ist gute Botschaft für Menschen im Finstern. In Jesus ist Israels Vater auch unser Vater geworden.
Im letzten Buch der Bibel (Offenbarung 21,4f.) wird verheißen: Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid und Geschrei und Schmerz wird mehr sein, denn das Erste ist vergangen. Und der auf dem Thron sitzt, sprach: Siehe, ich mache Alles neu.

Matthias Loerbroks

Letzte Änderung am: 30.10.2020