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Monatsspruch Oktober

Jeremia 29,7

Sucht den Frieden der Stadt und betet für sie zum HERRN! Denn wenn sie Frieden hat, werdet ihr Frieden haben.

Friede ist Leitwort – dreimal schalom in diesem einen Vers. Er steht in einem Brief, den der Prophet Jeremia an seine Mitjuden in Babel schrieb – die Babylonier hatten sie deportiert, nachdem sie Jerusalem und den Tempel zerstört hatten. Da sind sie nun im Exil und erfahren durch diesen Brief, was ihr Gott dort in der Fremde, in der babylonischen Gefangenschaft von ihnen erwartet. Sie sollen sich dort häuslich einrichten, nicht meinen, dass das Exil gewiss bald vorbei ist, und darum ständig auf gepackten Koffern sitzen, sondern Häuser bauen, Gärten anlegen, Kinder kriegen. Und sie sollen Frieden anstreben für diese ihnen fremde Stadt, sich in ihr politisch und sozial friedensfördernd engagieren und betätigen, nicht etwa die Hauptstadt derer, die sie besiegt, gedemütigt, gequält und verschleppt hatten, grummelnd und schmollend boykottieren, in ihr Widerstand leisten, Sabotageakte begehen, Terroranschläge verüben.
Das wird nun auch uns geraten, und das ist ein bisschen erstaunlich. Sind wir fremd in dieser großen Stadt? Sie wird ja gern mit Babel, mit Babylon verglichen, sei es wegen ihrer Sprachenvielfalt, die an die Geschichte vom Turmbau erinnert – zumal Berlin auch noch andere Verständigungsprobleme und Sprachbarrieren hat als nur die Vielzahl der Muttersprachen der Einwohner –, sei es weil Babylon im Neuen Testament zum Decknamen für Rom geworden ist, das Machtzentrum eines gott- und israel- und menschenfeindlichen Imperiums. Im letzten Buch der Bibel muss Babel erst gestürzt werden, ehe eine lebens- und liebenswerte Stadt entsteht.
Gewiss gibt es Menschen, die meinen, man solle doch die Kirche im Dorf lassen – in einer großen Stadt habe sie keinen rechten Ort, keinen Platz, weil sie am Hergebrachten hängt, sich auf die Beweglichkeit und Unübersichtlichkeit, die rasanten Entwicklungen und Veränderungen großer Städte nicht einlässt; auch im Stadtbild ist sichtbar, dass die Kirchen, die es einst prägten, fast unsichtbar sind zwischen Gebäuden, die sie an Größe und Bedeutung überragen. Umgekehrt gibt es auch Gemeinden, die sich in die vier Wände ihrer Kirchen und Gemeindehäuser zurückziehen, nur misstrauische, argwöhnische und ängstliche Blicke nach draußen werfen – und durch diese Blicke darin bestärkt und bestätigt werden, dass da nur ein großes Sündenbabel ist, von dem man sich besser fernhält, es dem Untergang überlässt, dem es zweifellos geweiht ist; und Gemeinden, die kurzerhand die Stadt zum Dorf machen, in Berlin: zum Kiez.
Etwas fremd, etwas weltfremd sollen Christen und Gemeinden in der Tat sein – , nicht völlig an- und eingepasst, nicht glatt aufgehen in ihrer Umgebung, nicht in Allem stromlinienförmig mitschwimmen, sondern eigenartig und eigensinnig, störrisch und störend und so auch widerständig sein und bleiben. Uns Christen wird eine doppelte Loyalität zugemutet und zugetraut; wir sind zum einen Bürger unserer Stadt und unseres Landes, zum anderen aber auch Untertanen und Agenten einer fremden Macht: des Gottes Israels und seines kommenden Reiches, Bürger der künftigen Stadt. So gilt auch uns Jeremias Brief: haltet euch nicht raus, nicht abseits, sondern mischt euch ein, mischt mit! Sucht den Frieden der Stadt!
Anfang Oktober ist es dreißig Jahre her, dass aus zwei deutschen Staaten einer wurde und so auch die Teilung Berlins endete. Doch die Stadt ist nicht im Frieden – viel Ressentiment und Grummeln, viele Spaltungen, Entfremdungen, Feindschaften; viele sind friedlos, unzufrieden.
Die Suche nach Frieden hat, so argumentieren Gott und sein Prophet, hat auch pragmatische Motive: wenn die Stadt im Frieden ist, habt auch ihr Frieden. Es gibt ja Gruppen, Bewegungen, Parteien, die vom Unfrieden profitieren und ihn darum schüren – Christen und Gemeinden nicht. Es ist gut, dass wir in unseren Predigten und Gebeten – betet für sie! – die Dinge der Stadt, der polis, der Politik nicht außenvorlassen, sondern bedenken und ansprechen, an der politischen Willensbildung mitwirken.

Matthias Loerbroks

Letzte Änderung am: 10.10.2020